Mission Maria

Guido Reni, Assumptio Virginis (1637)

Mit Leib und Seele

Von Rüdiger Plantiko

Ein erhabener Festtag

Wer zu ferragosto, d.h. am 15. August, durch italienische Städte wandelt, bemerkt höchste Feiertagsruhe – einen Geist der Enthaltung von profanen Tätigkeiten aller Art. Das hat lange Tradition: schon in der Römerzeit galten die feriae Augusti als hohe und wichtige Feiertage des Jahres. 

Es hat gute Gründe, dass im 5. Jahrhundert das Fest von der Aufnahme Mariens in den Himmel genau auf diesen Tag gelegt wurde. Die Lehre von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel gehört – und gehörte schon immer – unverzichtbar zum gesamten Nexus der christlichen Glaubensgeheimnisse hinzu. So verehren Christen zwar schon seit ältester Zeit die Reliquien verstorbener Heiliger, aber es gibt keine einzige Reliquie der Mutter Gottes. Es mag Räume geben, die als mögliche Orte der Entschlafung Mariens verehrt werden (in Ephesus und in Jerusalem), aber das Grab Mariens ist leer.

Himmelsglanz im Eingang und Ausgang

Maria ist nicht irgendeine Frau – sie ist nicht bloß Mutter Gottes, weil Gott nun einmal, um Mensch zu werden wie wir, einen Vater und eine Mutter haben sollte. So wie Christus selbst die Erfüllung von Prophetie des Alten Bundes ist, so ist auch Maria Erfüllung von Gottes Ankündigungen durch die Propheten. Und so wie Beginn und Ende des Lebens Jesu in übernatürlichem Glanz erstrahlen, weil eine unendliche Fülle und Helle sich in endliche Gefäße eingießt – nämlich die jungfräuliche Geburt bei Seinem Eingang, und Auferstehung und Himmelfahrt bei Seinem Ausgang – so ist es auch mit dem Leben Mariens. Am Beginn ihres Lebens, ihrer Empfängnis im Leib der hl. Anna, steht das Geheimnis, dass sie “durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechts, von jedem Makel der Erbsünde rein bewahrt blieb,” 1 was wir das Mysterium der Unbefleckten Empfängnis nennen. Und “nachdem sie ihren irdischen Lauf vollendet hatte”, wie es die Kirche behutsam formuliert, wurde sie “mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen.”2 

Mariens Ganzhingabe – unser Vorbild 

Diese Mariengeheimnisse laden zu tiefen Betrachtungen über das Verhältnis des Menschen zu Gott ein. Maria ist die neue Eva, in der von Gott wiederhergestellt wird, was der Menschheit durch die Ursünde verlorengegangen ist – so wie Jesus der neue Adam ist. Nur ist Maria als Frau die, die das Geheimnis empfängt. Sie bewegte und bewahrte alles in ihrem Herzen, heißt es im Evangelium, und dieses Bewegen und Bewahren ist nichts Passives, sondern ein Vorgang von höchster Aktivität. Sie lebte ganz in der Hingabe an Gott – wie es ihr großes Jawort ausdrückt: “Mir geschehe nach deinem Wort.”3 Als Mutter der Kirche wird sie in der Lauretanischen Litanei gepriesen – und dieses Empfangende verbindet sie wesenhaft mit der Kirche. 

Aber nicht nur die Kirche – auch jede einzelne menschliche Seele, die sich im Glauben bereit macht für Gott, ist in Maria vorgebildet. In gewisser Weise lebte Maria urbildlich das, was jeder Christ durchleben kann: nachdem er durch die Taufe hineingetaucht wurde in das göttliche Leben, darf er hoffen, mit Leib und Seele in der herrlichen Ursprünglichkeit neugeschaffen zu werden, die Gott vom Anfang her für die Menschen vorgesehen hat. Dieses an sich außerhalb von Raum und Zeit angesiedelte Ereignis hat in Maria gewissermaßen schon einmal diese Welt berührt, ist am Ende ihres Lebens hineingestrahlt in unser Erdendasein.

Die Wiederherstellung der leiblich-seelischen Einheit

Wir sprechen von der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu Christi, aber von der Aufnahme Mariens in den Himmel. Was beim Gottmenschen ein souveräner und aktiver Vorgang ist, ist bei Maria ein gnadenhaft gewirktes Geschehen. Wenn es der Wille Gottes war, Seiner Schöpfung im Menschen Anteil an Seiner Natur zu geben, so ist Maria diejenige, an der uns dies gezeigt wird. Dass sie mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wird, zeigt, dass es Gottes Wille ist, Seine Schöpfung im Menschen zu verherrlichen. Alles, was zur Schöpfung gehört, haben wir als Menschen auch in uns – das Mineralische, das Vegetative, das Gemüthafte. Darüberhinaus sind wir aber als Person Ebenbild und Gleichnis Gottes, mit Verstand und freiem Willen ausgestattet – und Maria zeigt uns, was wir einmal sein können, wenn wir durch Gottes Gnade so erneuert werden, wie Er uns ursprünglich gedacht hat. 

Gott hat uns nämlich nicht als reine Geistwesen geschaffen – wie die Engel – sondern Er will, dass unsere ganze irdische Geschöpflichkeit mit eingeht in die Heiligkeit. Der Leib als Tempel des Geistes soll einmal wieder das vollkommene Instrument unserer Seele werden. Die Trennung der Seele vom Leib durch den Tod ist eine Folge der Erbsünde und nur ein vorübergehender Zustand – unsere nachtodliche Existenz als körperlose Seele ist keineswegs der ideale Endzustand unseres Seins. Sie ist gewissermaßen ebenso aus dem Gleichgewicht geraten wie unser irdisches Leben in diesem Tal der Tränen. Es wird aber eine Zeit kommen, da wir wieder mit unserem Leib bekleidet werden – auch wenn diesem Leib dann alle Unvollkommenheiten genommen sein werden, die er in diesem Leben noch hat. 

Gebet

Heilige Maria, Mutter Gottes, die Du mit so großen Gnadenprivilegien beschenkt wurdest, um uns unseren Weg zur Heiligkeit zu zeigen – bitte für uns und hilf uns so, diesen Weg sicher zu gehen, die Worte Deines Sohnes zu bewahren und im Herzen zu bewegen – und in der Liebe Gottes zu erstrahlen, damit wir einmal, mit Leib und Seele wiederhergestellt, unseren Schöpfer preisen können in ewiger, durch nichts verdunkelter Freude. Amen.

Fußnoten

  1. So wurde das Glaubensgeheimnis von der Unbefleckten Empfängnis Mariens in der dogmatischen Bulle Ineffabilis Deus am 8.12.1854 den Gläubigen verkündet. ↩︎
  2. Formulierung des Dogmas in der Bulle Munificentissimus Deus vom 1. November 1950. ↩︎
  3. Lk 1,38 ↩︎

Kommentar verfassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen

Shop im Aufbau

Freuen Sie sich auf die baldige Eröffnung unseres Shops!

Bitte haben Sie Verständnis, dass wir im Moment noch nichts aus unserem Sortiment digital anbieten können.

Sie können bei uns aber jetzt schon telefonisch oder per Mail unsere Produktpalette erfragen und erste Bestellungen aufgeben.