Mission Maria

Jesus und Maria

Maria und das Werk der Erlösung

Klärungen zum neuen Dokument des Vatikans

Dr. Mark Miravalle

Der folgende Beitrag stammt von Dr. Mark Miravalle (USA), einem international anerkannten Mariologen, Professor für Dogmatik und Präsident der Bewegungen Vox Populi Mariae Mediatrici sowie der International Marian Association. Seit Jahrzehnten engagiert er sich für ein vertieftes Verständnis der Rolle Mariens in der Heilsgeschichte, insbesondere für die kirchliche Anerkennung ihrer Mitwirkung als Miterlöserin (Co-redemptrix) und Mittlerin aller Gnaden (Mediatrix). Lesen Sie hier die deutsche Übersetzung seiner Stellungnahme zum jüngsten lehramtlichen Dokument hierüber.

Christus der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen

Am 4. November 2025 veröffentlichte das Dikasterium für die Glaubenslehre das Dokument Mater Populi Fidelis: Lehrmäßige Note zu einigen marianischen Titeln, die sich auf das Mitwirken Marias am Heilswerk beziehen. Ich möchte im Folgenden einige Punkte ansprechen, die meines Erachtens eine vertiefte Prüfung und Klärung verdienen – in einem Geist echten Respekts und des Dialogs. Wir bekennen uns mit Nachdruck zu dem im Dokument ausgedrückten unbedingten Imperativ, die biblische und traditionelle Offenbarung von der unendlichen Vorrangstellung Jesu Christi als unseres einzigen göttlichen Mittlers und Erlösers zu bekennen, zu schützen und zu verkünden. Zugleich streben wir danach, die untergeordnete und doch unvergleichliche menschliche Mitwirkung der Unbefleckten Jungfrau Maria, der Mutter Jesu Christi, am geschichtlichen Werk der Erlösung sachgerecht anzuerkennen.

Päpstliches Lehramt und Heilige nennen Maria Miterlöserin

Nachdem das Dokument die zahlreichen Verwendungen des Marientitels „Miterlöserin“ (Co-redemptrix) durch Päpste und deren jeweilige Lehramtsaussagen angeführt hat – darunter die hll. Pius X., Pius XI. sowie siebenmal hl. Johannes Paul II. (wobei die erstmalige Billigung des Titels „Miterlöserin“ durch Leo XIII. im Jahr 1885 unerwähnt bleibt) – und ebenso die lange Tradition der Titel Redemptrix und Co-redemptrix, die bis ins 10. bzw. 15. Jahrhundert zurückreicht, gelangt es dennoch zu dem Schluss, die Verwendung des Titels „Miterlöserin“ sei „nicht angebracht“ (Nr. 22). Bedeutet dies, dass jene päpstlichen Verwendungen des Titels „Miterlöserin“ „unangebracht“ gewesen seien – ebenso wie die des hl. Pio von Pietrelcina, der hl. Teresa von Kalkutta, des hl. Josemaría Escrivá, des hl. John Henry Kardinal Newman, der hl. Teresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein), des hl. Maximilian Kolbe, der Sr. Lucia von Fatima und der durch Jahrhunderte überlieferten Verwendung des Titels „Miterlöserin“ durch andere Heilige, Selige, Theologen und Mystiker? Die Lehre von der Miterlösung wurde zudem eindeutig von Papst Benedikt XV. in seinem Schreiben Inter Sodalicia (1918) formuliert, wenn er festhält: „…wir dürfen mit Recht sagen, dass Maria zusammen mit Christus das Menschengeschlecht erlöst hat.“ Papst Benedikt XVI. sprach in seiner Fatima-Botschaft an die Kranken am 13. Mai 2010 ebenfalls davon, dass wir „Erlöser im Erlöser“ seien. Soll auch dies nun als „nicht angebracht“ gelten?

Auffallend ist: Am 4. November 1984 – also auf den Tag genau vor einundvierzig Jahren – hat hl. Johannes Paul II. die Gottesmutter als „Maria – die Miterlöserin“ bezeichnet. Selbstverständlich wollen wir als Gläubige solche Verwendungen durch den Stellvertreter Christi mit der gebotenen Ehrfurcht würdigen.

Unangebracht, weil erklärungsbedürftig?

Einer der im Dokument angeführten Gründe für das Urteil, der Titel „Miterlöserin“ sei unangebracht, ist der Umstand, dass man ihn häufig „neu erklären“ müsse und er daher für das Gottesvolk nicht „hilfreich“ sei (Nr. 22). Doch auch andere Marientitel wie „Unbefleckte Empfängnis“ und „Gottesgebärerin“ haben fortlaufend Erklärung und Wiedererklärung erfordert und erfordern sie weiterhin; dennoch bleiben diese Titel zu Recht bestehen – ganz zu schweigen von anderen katholischen Dogmen wie der päpstlichen Unfehlbarkeit, der Erbsünde und der Transsubstantiation.

Das päpstliche Lehramt hat die Lehre von der Rolle Mariens als „Mittlerin aller Gnaden“ sowohl dem Titel nach als auch inhaltlich über vier Jahrhunderte hinweg konstant gelehrt – beginnend bei Papst Benedikt XIV. im 18. Jahrhundert (Gloriosae Domini, 1748) bis hin zur Verwendung des Titels „Mittlerin der Gnaden“ durch Papst Leo XIV. am 15. August 2025. Zahlreiche päpstliche Enzykliken lehren mit Autorität, dass Maria Mittlerin aller Gnaden ist und eine sekundäre Mittlerrolle in der Ausspendung erlösender Gnaden ausübt. So schreibt Leo XIII.: „[Maria], die so innig mit dem Geheimnis des Heils der Menschen verbunden war, ist in gleicher Weise eng verbunden mit der Austeilung der Gnaden, die für alle Zeit aus der Erlösung fliessen werden … unter ihren vielen Titeln … die Spenderin aller himmlischen Gaben“ (Adjutricem populi, 1895, ASS 28, 130–131). In nachkonziliaren Formulierungen bezeichnet hl. Johannes Paul II. Maria achtmal als „Mittlerin aller Gnaden“, und Papst Benedikt XVI. bezieht sich auf „Mediatrix omnium gratiarum“ (11. Februar 2013).

Dabei war stets anerkannt, dass die Rolle Mariens als Mittlerin aller Gnaden nicht ihre eigene Unbefleckte Empfängnis umfasst, sondern ihre sekundäre Austeilung erlösender Gnaden im Dienst Christi, des einen göttlichen Mittlers, an die gefallene Menschheit.

Unausgewogene Verwendung von Lehramtstexten

Umso befremdlicher und verunsichernder ist es, in diesem Dokument mehrere Hinweise zu finden, die nahelegen, Maria habe keine sekundäre Rolle mit Christus in der universalen Austeilung erlösender Gnade (vgl. Nr. 53, 55). Überraschend ist auch, dass die gesamte autoritative Behandlung der „Mittlerin aller Gnaden“ durch das päpstliche Lehramt vom 18. bis ins 21. Jahrhundert im Dokument nirgends erwähnt wird. Theologische Prämissen vorzutragen, die von Jahrhunderten päpstlicher autoritativer Lehre abzuweichen scheinen, kann zu erheblicher Verwirrung unter dem Gottesvolk führen – nämlich dem Eindruck, es handle sich um eine Änderung der Lehre –, ganz abgesehen von den negativen Auswirkungen auf die lehrmässige Konsistenz der Autorität des Lehramts.

Die Verwendung lehramtlicher Belege im Dokument wirkt uneinheitlich und mitunter nicht ganz objektiv und ausgewogen. So werden zum Beispiel spontane Äusserungen von Papst Franziskus während Predigten oder Audienzen (die ursprünglich nicht in den schriftlichen Texten standen) in voller Länge zitiert, während die päpstlichen Bezüge auf „Miterlöserin“ bei hl. Johannes Paul II. in Predigten und Ansprachen – jeweils mit ausführlicher Erläuterung, z. B. die Predigt in Guayaquil vom 31. Januar 1985 – im Text weder aufgenommen noch in den Fussnoten zitiert werden. Auch Papst Pius XI. liefert in seiner Ansprache vom 30. November 1933 eine hervorragende Erklärung und Verteidigung des Titels „Miterlöserin“ – doch auch sie wurde in diesem Dokument nicht berücksichtigt.

Ähnlich unausgewogen erscheint der Umgang mit den zahlreichen Verweisen auf Kardinal Joseph Ratzinger. Zwar äusserte Kardinal Ratzinger Vorbehalte gegenüber dem Titel – er lehnte ihn jedoch nicht schlechthin ab, sondern hielt ihn 1996 für „noch nicht ausgereift“, also vor rund dreissig Jahren. Zudem sprach er als Papst nie explizit dagegen. Sich auf weltliche Interviews Kardinal Ratzingers gegen den Titel „Miterlöserin“ zu berufen und zugleich päpstliche Äusserungen, welche den Titel verwenden, nicht aufzunehmen, lässt jene Objektivität vermissen, die für diese Diskussion entscheidend ist. Kardinal Eugenio Pacelli, der künftige Pius XII., bezeichnete die Gottesmutter als Kardinal viermal als „Miterlöserin“; doch solche Äusserungen sind nicht – und dürfen nicht – zur Autorität des päpstlichen Lehramts überhöht werden.

Die geistliche Mutterschaft unserer Lieben Frau

Bezugnehmend auf die Bewegung für ein fünftes Marien-Dogma ist in Erinnerung zu rufen, dass christliche Wahrheit entweder in Form von Titeln oder Begriffen (z. B. „Gottesgebärerin“) oder in spezifischen Festlegungen (z. B. Wesen der päpstlichen Unfehlbarkeit, Erbsünde etc.) feierlich definiert werden kann. Dieses DDF-Dokument hindert oder untersagt daher in keiner Weise die weiterhin bestehende kirchliche Bewegung des Gebets und der Bittstellung für die feierliche Definition der Geistlichen Mutterschaft Mariens, die auf der Wahrheit von Mariens untergeordneter Mitwirkung mit und unter Jesus in der Erlösung gründet. Diese internationale Bewegung für ein fünftes Marien-Dogma, die 1915 vom grossen belgischen Prälaten Kardinal Désiré Mercier initiiert wurde – für die feierliche Definition der Geistlichen Mutterschaft Unserer Lieben Frau, einschliesslich ihrer untergeordneten Rollen der Mitwirkung an der Erlösung und der Mittlerschaft, die von Jesus Christus vollbracht wurde –, setzt ihr Gebet und Bitten um ein mögliches fünftes Marien-Dogma freudig fort. Sie tut dies in voller Übereinstimmung mit Canon 212, der das Recht der gläubigen Christgläubigen bejaht und schützt, den Hirten der Kirche Anliegen vorzutragen, die sie für das Wohl der Kirche für bedeutsam halten. Wir sind fest überzeugt, dass die wahre und voll entfaltete Fürbitte Unserer Lieben Frau für das Wohl der Kirche und der Welt von vitaler Bedeutung ist.

Vertieftes Bewusstsein über die Rolle Mariens im Erlösungswerk

In diesem Zusammenhang danken wir dem Dikasterium für die Glaubenslehre dafür, dass es die weltweite Aufmerksamkeit erneut auf diesen entscheidenden Dialog über die untergeordnete Rolle Mariens, der neuen Eva, in der von Christus, dem neuen Adam, vollbrachten Erlösung gelenkt hat. Möge der vollumfängliche synodale Prozess, für den Papst Leo und der Heilige Stuhl eintreten, in aufrichtiger und umfassender Weise umgesetzt werden, um die kirchliche Unterscheidung zu diesem grundlegenden marianischen Thema zu leiten – zum geistlichen Nutzen des Gottesvolkes und zur gebührenden Ehrung Unserer Lieben Frau, der Mutter der Kirche und der Gläubigen, der Mutter aller Menschen.

Dr. Mark Miravalle
Präsident, Vox Populi Mariae Mediatrici
Präsident, International Marian Association
5. November 2025

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