Claudio Tessari von Ave Maria
Weihnachtsbaum und Donareiche
Der Weihnachtsbaum ist weder ein heidnisches noch ein protestantisches Symbol, sondern ein zutiefst christliches Zeichen, das aus der Mission der Kirche und der Verkündigung des Evangeliums hervorgegangen ist. Seine Wurzeln reichen zurück bis zum Wirken des heiligen Bonifatius (†754), des Apostels der Deutschen. Im Jahr 724 fällte er bei Geismar die dem Donar geweihte Eiche, um öffentlich die Ohnmacht der Götzen und die Wahrheit des christlichen Glaubens zu bezeugen. Damit erfüllte sich, was die Heilige Schrift über die falschen Götter sagt: „Alle Götter der Völker sind Nichtse, der HERR aber hat den Himmel gemacht“ (Ps 96,5). Der Überlieferung zufolge blieb hinter der gefällten Eiche ein junger, immergrüner Nadelbaum stehen, den Bonifatius als Zeichen des neuen Lebens in Christus deutete. Der Baum wurde nicht aus dem Heidentum übernommen, sondern bewusst dem Götzendienst entzogen und auf Christus hin geheiligt.
Immergrün – Zeichen des Sieges über den Tod
Das Immergrün des Weihnachtsbaumes weist auf das ewige Leben hin, das der menschgewordene Sohn Gottes schenkt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben“ (Joh 10,10). Schon der heilige Augustinus lehrt, dass das wahre, unvergängliche Leben allein in Christus zu finden ist, der selbst das Leben ist und dem Tod keine Macht lässt. Gerade in der dunklen Zeit des Winters verkündet der grüne Baum die Hoffnung auf das Leben, das stärker ist als Vergänglichkeit und Tod.
Der Lichterbaum als Bild der Inkarnation
Die Lichter oder Kerzen am Weihnachtsbaum sind ein klares christologisches Bekenntnis. Sie verweisen auf Christus, der selbst sagt: „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8,12). Der heilige Gregor der Große deutet Christus als das Licht, das die geistige Finsternis des Menschen vertreibt und den Weg zum Heil erhellt. So wird der geschmückte Baum zu einer stillen Predigt über das Geheimnis der Menschwerdung Gottes, durch die das Licht in die Dunkelheit der gefallenen Welt eintritt.
Der Paradiesesbaum
Im Mittelalter fand der immergrüne Baum als sogenannter Paradiesbaum Eingang in die kirchliche Verkündigung und Volksfrömmigkeit. In geistlichen Darstellungen der Geschichte von Adam und Eva wurde er mit Äpfeln geschmückt und erinnerte an den Baum der Erkenntnis im Garten Eden (Gen 2–3). Die Kirchenväter sahen in Christus den neuen Adam, der durch seinen Gehorsam das wiederherstellt, was durch den Ungehorsam des ersten Menschen verloren ging (vgl. Röm 5,18–19). Der Weihnachtsbaum steht damit in heilsgeschichtlicher Linie: Er erinnert zugleich an den verlorenen Garten, an das Kreuz Christi und an das verheißene Leben.
Dass der Weihnachtsbaum später auch in protestantischen Gebieten verbreitet wurde, ändert nichts an seinem Ursprung und seiner Bedeutung. Seine Symbolik ist älter als die Reformation und zutiefst katholisch geprägt. Der Weihnachtsbaum ist kein Relikt des Heidentums, sondern ein sichtbares Zeugnis der Christianisierung der Welt und der Weihe der Schöpfung an Christus.
Der Weihnachtsbaum als stilles Glaubensbekenntnis
Richtig verstanden ist der Weihnachtsbaum ein stilles Glaubensbekenntnis zum Geheimnis von Weihnachten selbst: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14). Er verkündet ohne Worte die Hoffnung des christlichen Glaubens, dass durch die Geburt Christi das Leben und das Licht in die Welt gekommen sind.